/«Ich dachte, dass ich Lungenkrebs habe – doch es war die Hasenpest»

«Ich dachte, dass ich Lungenkrebs habe – doch es war die Hasenpest»

Auf der Lunge war ein Schatten zu erkennen. «Es sieht nicht gut aus», sagten die Ärzte im Kantonsspital Winterthur zu Walter Bachmann aus Altikon. Es bestand der Verdacht auf Lungenkrebs. Dem 60-jährigen Landwirt und Forstwart aus dem Weinland zog es den Boden unter den Füssen weg. «Ich sah von einem Moment auf den andern keine Zukunft mehr, war plötzlich ganz unten.» Bachmann hatte bis zu diesem Zeitpunkt fast 40 Jahre geraucht. Es schien ihm deshalb durchaus plausibel zu sein, dass er Lungenkrebs haben könnte. Vier Jahre ist das nun bereits her. Doch die Gefühle von damals sind immer noch präsent. Er erinnert sich noch genau, wie es ihm an diesem Tag nur wenige Stunden zuvor zuhause erging. Nach einer Dusche liess er sich damals erschöpft aufs Bett fallen. «Ich war komplett erledigt», erzählt Bachmann. Als er 40 Grad Fieber hatte, starke Schmerzen im Brustbereich verspürte und kaum noch Luft bekam, rief er seinen Hausarzt an. Dieser riet ihm, sich umgehend in Spitalpflege zu begeben, was Bachmann dann auch tat.

Lange Zeit der Ungewissheit

Ab da begann für ihn und seine Frau eine lange Zeit der Ungewissheit. Eine Untersuchung reihte sich an die andere. Und auch wenn man keine Krebszellen fand, so liess sich der Verdacht auf Lungenkrebs dennoch nie ganz ausräumen. «Wir haben noch nie so viel geweint, wie in diesem Monat», erinnert sich Bachmanns Ehefrau Beatrice.

«Wir haben noch nie so viel geweint wie in diesem Monat.»Beatrice Bachmann

Nach diesen vier Wochen dann endlich die erlösende, frohe Botschaft: Es ist nicht Lungenkrebs, sondern eine durch die Hasenpest hervorgerufene Lungenentzündung, welche heilbar ist. «Wir waren total erleichtert, als wir dies hörten und haben Gott dafür gedankt», sagt Beatrice Bachmann. Eine so seltene Krankheit zu finden, brauche halt seine Zeit, meint sie rückblickend. «Wir können ja froh sein, im KSW einen ‘Dr. House’ gefunden zu haben, welcher auf das Hasenpest- Bakterium gestossen ist.»

Ihrem Mann wurde damals während einigen Tagen hochdosiertes Antibiotika verabreicht; nur kurze Zeit später ging es ihm schon deutlich besser. Bleibende Schäden gab es keine. Bachmann hat sich von seiner Krankheit völlig erholt. Zudem konnte er den schweren Tagen doch noch etwas Positives abgewinnen: «Durch die Infektion bin ich jetzt für immer immun gegenüber der Hasenpest.»

Hasenkot als Ursache?

Doch wie hatte sich Bachmann überhaupt angesteckt? Klar ist, dass bereits wenige Erreger eine Krankheit auslösen können, dass die Inkubationszeit in der Regel nur ein paar Tage beträgt und dass grundsätzlich viele Ansteckungswege denkbar sind (siehe auch Kasten unten). Der Weinländer Landwirt selber geht davon aus, dass er das Bakterium über feinste Staubpartikel, welche von Gerstenstrohballen aufgewirbelt wurden, eingeatmet hatte. Diese Ballen seien womöglich mit Hasen- oder Mäusekot verschmutzt gewesen.

«Weshalb es in den Bezirken Winterthur und Andelfingen  überdurchschnittlich viele Fälle von ­Hasenpest gibt, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen.»Nadia Schürch, Labor Spiez

Walter Bachmann hatte später erfahren, dass auf einem Hof, der sich nur etwa einen halben Kilometer von ihm entfernt befindet, ein ähnliches Drama abspielte. «Ein neunjähriger Knabe erkrankte damals zur selben Zeit wie ich an der Hasenpest.»

KSW hat viele Fälle behandelt

Dass sich in den Bezirken Andelfingen und Winterthur seit Jahren ein Hotspot mit erhöhtem Ansteckungsrisiko für Hasenpest befindet (siehe Karte unten), zeigt sich auch aufgrund der Zahlen, die das Kantonsspital Winterthur gegenüber dem «Landboten» publik macht. «Seit 2010 hat die Infektiologie des KSW 29 Fälle behandelt», sagt Urs Karrer, Chefarzt der Medizinischen Poliklinik am KSW und Fachmann für Tularämie, wie die Hasenpest in der Fachsprache heisst.

Hasenpest-Infektionen bei Menschen. Quelle: ©swisstopo (JM100004) / Labor Spiez, Grafik: mt/da

Am häufigsten hatten die Hasenpest-Patienten am KSW grippeähnliche Symptome wie Fieber, Schwitzen und Kopfschmerzen, «gefolgt von einer starken, lokalen Lymphknotenschwellung». In einigen Fällen habe der betroffene Lymphknoten chirurgisch entfernt werden müssen, sagt Karrer. Die Patienten wurden teils ambulant, teils stationär behandelt. Doch auch schwere Hasenpest-Fälle wurden am KSW häufig registriert (43 Prozent aller Fälle). Die Patienten litten unter hohem Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und einer Lungenentzündung. Für die Therapie mit intravenösen Antibiotika hielten sie sich bis zu sieben Tage im Spital auf. Karrer räumt ein, dass es vorgängig gelegentlich einige Zeit dauern kann, «bis die Diagnose gestellt wird und die korrekte Behandlung eingeleitet ist». Auch wenn die Hasenpest in der Schweiz für den Menschen praktisch nie tödlich verläuft, ist sie dennoch alles andere als harmlos. «2012 haben wir einen Patienten betreut, der einen sehr schweren Verlauf durchgemacht hat», erinnert sich Karrer. «Dieser Patient wäre vermutlich ohne korrekte Behandlung an der Tularämie gestorben.»

Ansteckung oft über Zecken

Lange Zeit ging man davon aus, dass die Übertragung auf den Menschen vor allem durch den direkten oder indirekten Kontakt mit erkrankten Tieren (Hasen, Mäuse etc.) geschieht. Waren es doch in der Vergangenheit vor allem Jäger oder Landwirte, die betroffen waren. Ein aktuelle Studie weist jetzt jedoch nach, dass in der Schweiz Zecken die wichtigste Ansteckungsquelle sind. Ihre Bisse sind für rund 60 Prozent der Krankheitsfälle verantwortlich.

Forscher glauben, dass die Zunahme der Hasenpest-Erkrankungen mit der Klimaerwärmung und dem geänderten Freizeitverhalten zu tun haben könnte. «Weshalb es aber in den Bezirken Winterthur und Andelfingen überdurchschnittlich viele Hasenpest-Fälle gibt, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen», erklärt Nadia Schürch, Leiterin Bakteriologie vom Labor Spiez. «Eine Hypothese ist beispielsweise, dass Zecken in diesen Gebieten bessere Bedingungen vorfinden als anderswo.» (Landbote)

Erstellt: 20.11.2018, 16:26 Uhr